
Wie aus einem Beruf fünf wurden — und der Lohn trotzdem gleich blieb. 14 AMS-Stellenanzeigen analysiert:
Es gibt einen Job, den der österreichische Arbeitsmarkt offenbar nicht mehr ernst nimmt: den Grafiker. Genauer: den Gebrauchsgrafiker. Auf dem Papier ist das ein klar umrissener Beruf — Layout, Typografie, Druckvorstufe, Bildbearbeitung, Corporate Design. Eigener Lehrberuf, eigener Kollektivvertrag, eigene Berufsgruppe. In der Realität, also in den Stellenanzeigen, ist daraus etwas anderes geworden: eine Resterampe. Ein semantischer Müllsack, in den Personalabteilungen alles hineinstopfen, was sonst keine eigene Position kriegen soll — und für das man dann den Lohn eines Grafikers zahlt. Mit, Achtung, „Bereitschaft zur Überbezahlung“.
Ich habe mir vierzehn Stellenangebote der letzten Jahre angeschaut. Vom Wiener Copyshop bis zum Staatskonzern, vom Modehändler bis zum Fachverlag, von der Bauchemie-Bude bis zur Software-Firma. Die Firmennamen lasse ich weg. Erstens, weil sie austauschbar sind. Zweitens, weil das hier kein Pranger ist, sondern eine Diagnose. Und die ist so eindeutig, dass es weh tut.
Beispiel 1: Der Schuhhändler aus der Vorstadt
Großer mitteleuropäischer Schuhfilialist, jeder kennt den Namen, in jeder zweiten Fußgängerzone eine Filiale. Sucht eine Grafikdesignerin. So weit, so harmlos. Verlangt werden Photoshop, Illustrator, InDesign — geschenkt. „Von Vorteil“ sind dann aber auch Adobe After Effects und Premiere. Also Bewegtbild. Plus Web- und Screendesign. Plus Druckvorstufe. Plus sehr gute Deutsch- und Englischkenntnisse. Tschechisch oder Ungarisch wären auch nett. Führerschein B. Reisebereitschaft.
Lohn: 1.675 Euro brutto. Im Monat. Mit, ich zitiere, „Bereitschaft zur Überbezahlung„.
Lassen wir das kurz wirken. Eine Person, die gleichzeitig Print-Designerin, Web-Designerin, Video-Editorin, Übersetzerin und Außendienstlerin ist, soll für einen Lohn arbeiten, bei dem in Wien nach Miete, Strom und Versicherung noch genug für drei Kilo Reis und ein Monatsticket übrig bleibt. Aber keine Sorge — der Arbeitgeber wäre „bereit“, auch ein paar Euro draufzulegen. Wie unglaublich generös. Soll man weinen oder applaudieren?

Beispiel 2: Der Webshop, der auch gerne IT-Support hätte
Mittelständischer Wiener Händler, betreibt einen Onlineshop, der aussieht, als hätte ihn 2014 jemand am Sonntagnachmittag zusammengeklickt. Sucht ein „grafisches Allround-Talent mit EDV-Affinität“. Schon das Wort „Allround-Talent“ ist in einer Stellenanzeige eine rote Fahne. Auf Deutsch heißt das: Wir wissen selbst nicht, was wir wollen, aber es ist auf jeden Fall mehr, als eine Person an einem Tag schafft.
Konkret: Photoshop, Illustrator, InDesign, Canva, Pflege eines Shopify-Webshops, Social Media. Und — der eigentliche Knaller, fett gedruckt in der Anzeige — „Troubleshooting bei IT-Problemen als Schnittstelle zwischen Mitarbeiter und EDV-Firmen“. Der Grafiker als First-Level-Support. Wenn der Kollege aus dem Lager nicht ins WLAN kommt, soll die Grafikerin halt kurz aus InDesign rausklicken und das Patchkabel überprüfen. Das ist kein Berufsbild mehr. Das ist eine als Stellenanzeige getarnte Kostensenkungsmaßnahme.
Lohn: 1.800 bis 2.300 Euro brutto. Bei Vollzeit. Mit Überzahlung, eh klar.
Beispiel 3: Die Marketingstelle, in der Grafik „von Vorteil“ ist
Eine Wiener B2B-Softwareschmiede, schickes Büro, schickes Pitchdeck, schickes „Wir suchen Talente“-LinkedIn. Sucht eine Person für „B2B-Marketing“. Gefordert: HubSpot, WordPress, Englisch auf B2-Niveau, BWL-Studium, Erfahrung mit CRM, Adobe Premiere für den Videoschnitt der Webinare. Ganz am Ende der Anzeige, fast schüchtern hingehängt: „Von Vorteil: Kenntnisse der Grafikbearbeitung.“
Grafik ist hier kein Beruf mehr. Grafik ist eine Fußnote. Ein Add-on. Ein „ach ja, und wenn Sie nebenbei noch das Layout der Whitepaper machen können, wäre das nett“. Das Vier-Jahre-Studium an der Graphischen, die abgeschlossene Lehre, die zehn Jahre Berufserfahrung — alles zu einem Anhängsel degradiert, das in der Anzeige unter „Wäre cool, wenn“ steht, gleich neben „flexible Arbeitszeiten“ und „Obstkorb“.
Beispiel 4: Der Modehändler, der „Allrounder“ sagt und Marketingabteilung meint
Familiengeführter Wiener Modehändler, mehrere Filialen, eine Geschäftsführerin, die in jedem Interview betont, wie wichtig „Bodenständigkeit“ ist. Sucht einen „Grafik und Marketing Allrounder„. Schon der Titel ist eine Frechheit, weil er zwei Berufe in einem Wort zusammenleimt und so tut, als wäre das normal.
Aufgaben: Adobe Creative Suite, Social Media, Webshop-Pflege, PR, Influencer-Relations, Mailchimp-Newsletter, MS Office, Englisch. Das ist die Stellenbeschreibung einer kompletten Marketingabteilung, gegossen in eine einzige Vollzeitstelle. 26.000 Euro brutto im Jahr. Macht knapp 1.860 Euro pro Monat. Für eine Person, die gleichzeitig Grafikerin, Social-Media-Managerin, E-Commerce-Verantwortliche, PR-Koordinatorin und Influencer-Booking-Agentin ist. Mit Überzahlung, versteht sich.
Wer in einer Agentur diese fünf Funktionen besetzt, zahlt fünf Gehälter. Hier zahlt man eines und nennt es „Allrounder“. Das ist keine Personalpolitik, das ist Etikettenschwindel mit Gewerbeschein.
„Bereitschaft zur Überbezahlung“ — der größte Treppenwitz der Branche
Apropos: In elf von vierzehn dieser Inserate steht der heilige Satz. „Bereitschaft zur Überzahlung bei entsprechender Qualifikation.“ Beim ersten Lesen klingt das großzügig. Beim zweiten Lesen merkt man, was da wirklich steht.
Denn die „entsprechende Qualifikation“ ist ja schon Teil der Anforderungen. Drei Adobe-Programme. Premiere. After Effects. HubSpot. Shopify. WordPress. Mailchimp. Englisch B2. Mehrjährige Berufserfahrung. BWL-Studium von Vorteil. Wer das alles kann, hat die Qualifikation per Definition. Wer das alles nicht kann, kann die Stelle gar nicht ausfüllen.
Die „Überzahlung“ ist also keine Belohnung für überdurchschnittliche Bewerber. Sie ist der bittere Aufpreis dafür, dass überhaupt jemand auf eine Anzeige antwortet, die fünf Berufe zum Preis von einem fordert. Sie ist ein rhetorischer Trick. Eine sprachliche Beruhigungspille. „Wir zahlen den Kollektivvertrag, aber bitte tun Sie so, als wäre das ein verhandelbares Angebot.“
Und der Hammer kommt erst noch: Die Zusatzqualifikationen, für die man angeblich überbezahlt würde, stehen in derselben Anzeige bereits als Pflichtanforderung drin. Du sollst also „überbezahlt“ werden, wenn du das mitbringst, was du sowieso mitbringen musst, um überhaupt eingestellt zu werden. Das ist nicht großzügig. Das ist eine Beleidigung, in höflicher Form serviert.
Aus einem Beruf werden vier — der Rest ist Mathematik
Wenn man die vierzehn Anzeigen nach Tätigkeitsfeldern sortiert, kommt Folgendes raus:
- Grafik und Layout: Photoshop, Illustrator, InDesign, Druckvorstufe, CI/CD-Entwicklung.
- Bewegtbild: Premiere, After Effects, Foto- und Videoschnitt.
- Online-Marketing: HubSpot, Mailchimp, Google Ads, Meta Business Suite, E-Mail-Automation.
- Social Media: LinkedIn, Facebook, Instagram, YouTube, Twitter, Community-Management.
- Web und E-Commerce: WordPress, Shopify, Webshop-Pflege, Produktbilder.
- Projektmanagement: Briefings, Druckereiabstimmung, externe Dienstleister steuern.
- Texterstellung: Copywriting, Übersetzungen, Pressemitteilungen.
- Vertrieb und PR: Influencer-Relations, Kundenkommunikation, Mediaberatung.
- IT-Support: ja, wirklich, kein Witz:

Das sind nicht mehr ein Beruf. Das sind locker vier. In einer normalen Firma würden für diese Aufgaben vier Leute eingestellt werden, jeder mit eigenem Gehalt, eigener Verantwortung, eigener Berufsgruppe im Kollektivvertrag. In den Inseraten, die ich hier durchgeackert habe (vom AMS!!), soll das alles eine einzige Person machen. Auf Basis eines Kollektivvertrags, der für klassische Grafiker geschrieben wurde, als der Beruf noch Grafiker hieß und nicht „Marketing-Social-Video-Web-IT-Allrounder mit Photoshop-Hintergrund“.
Warum das funktioniert (und genau das ist das Problem)
Die Firmen wissen, was sie da tun. Sie schreiben so aus, weil es funktioniert. Weil jedes Inserat dieser Sorte einen Stapel Bewerbungen produziert. Berufseinsteiger, die einen Fuß in die Tür brauchen. Quereinsteigerinnen, denen man in den ersten sechs Monaten erzählen kann, dass „das jetzt mal so ist, weil wir noch wachsen“. Wiedereinsteigerinnen nach der Karenz, die jeden Job nehmen, der mit ihren Betreuungspflichten halbwegs vereinbar ist. Menschen mit Migrationshintergrund, denen man mit der Drohung „der Nächste kommt bestimmt“ das Verhandeln abgewöhnt.

Das ist kein freier Markt. Das ist ein leiser Lohndumping-Mechanismus mit „Bereitschaft zur Überzahlung“ als parfümiertes Feigenblatt. Und das Schlimmste: Es ist legal. Es ist sogar üblich.
Warum ich in die IT wechsle
An dieser Stelle wird das hier persönlich. Ich habe in der Grafik gearbeitet. Druckvorlagen, Print-Templates, Korrekturschleifen, das ganze Programm. Ich habe gerne gestaltet, ich habe gerne gelayoutet, ich habe sogar gerne mit Druckereien telefoniert. Aber irgendwann habe ich angefangen, diese Stellenanzeigen zu lesen — und gemerkt: Das ist kein Beruf mehr, in den ich hineinwachsen kann. Das ist eine Sammelposition für alles, was sonst niemand machen will. Zum Lohn von vorgestern. Mit „Bereitschaft zur Überzahlung“ als Kirsche auf der schimmligen Torte.
Ich habe mich deshalb bewusst für eine neue Ausbildung entschieden. IT, Applikationsentwicklung. Nicht, weil Grafik kein schöner Beruf wäre — sondern weil der Markt sie offenbar nicht mehr als eigenständigen Beruf behandeln will. Wer heute eine Anzeige für „Grafiker“ liest, liest in Wahrheit „Grafiker plus Marketing plus Social Media plus Video plus Webshop plus, wenn noch Zeit ist, IT-Support“. Und das Ganze zu einem Gehalt, das in Wien nicht mal mehr für eine 35-Quadratmeter-Wohnung im 16. Bezirk reicht, ohne dass man am Monatsende den Kühlschrank inventarisiert.

Der Beruf, wie er einmal war, existiert noch. In Agenturen, manchmal. In ein paar wenigen Inhouse-Teams, die wissen, was sie tun. Aber in den AMS-Inseraten? Da steht er nicht mehr. Da steht „Der Grafiker +“. Und das Plus zahlt nicht der Arbeitgeber. Das Plus zahlt der Arbeitnehmer, mit seiner Zeit, seiner Gesundheit, seinen Wochenenden und seinem Kontostand.
Eine direkte Frage an die betreffenden Firmen
Falls jemand aus den Personalabteilungen das hier liest — und ich bin mir ziemlich sicher, dass einige von euch das tun, denn schließlich googelt ihr eure eigenen Stellenanzeigen, bevor ihr sie schaltet —, hätte ich eine einzige, ernst gemeinte Frage:
Welches Körperteil soll man heute für die Überbezahlung eigentlich hinhalten?



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